Woran liegt es Ihrer Erfahrung nach, dass es kleinen Jungs heute schwerer fällt als Mädchen, ihre Persönlichkeit voll zu entfalten?
Persönlichkeitsentfaltung hängt zum einen davon, was darunter verstanden wird, zum anderen von den jeweiligen faktischen Lebensmöglichkeiten ab. Wenn sich derzeit moralische Werte und ökonomische Prämissen verschieben – etwa von autoritär zu integrativ – kommt das mehr den Mädchen entgegen. Der ursprünglich auf Männer gemünzte Satz „Die alten Rollen passen nicht mehr, neue sind noch nicht in Sicht“ illustriert auch das Dilemma für Jungen. Wo Jungen mit Konzepten von gestern auf das Morgen vorbereitet werden, kann das nicht gut gehen.
Was Jungen brauchen, ist unbedingte Aufmerksamkeit für ihre Entwicklung. Sie brauchen Ansprache und Teilnahme. Wer die Förderung von Selbstvertrauen, Fürsorge und spielerischem Wettbewerb erfahren und kennen gelernt hat, kann darauf aufbauen. Das heißt auch, dass Jungen nicht überfordert, sondern mit ihren Suchbewegungen und Unbeholfenheiten ernst- und angenommen werden, gerade von männlicher Seite. In diesem Sinne ist in unserem Buch von „Begleitung“ und nicht von „Erziehung“ die Rede. Dies ist vielen aber noch nicht vertraut, deshalb soll das Buch Mut machen und anleiten, gemeinsam mehr Kreativität und Gestaltungsräume für die Söhne zu entdecken als es in der eigenen Kindheit vielleicht möglich war.