
Vor ein paar Tagen kamen wir zu dritt aus der Stadt: die Muse, Trulla und ich. Charlotta hatte sich mit der Muse von Chrissie getroffen und lief Trulla und mir über den Weg, als wir gerade in die U-Bahn steigen wollten.
Trulla und ich hatten einen kleinen Schaufensterbummel gemacht. Außerdem muss Trulla ja immer mal wieder in die Buchhandlung rein, wo ihr Buch im Regal steht. Sie stellt sich gerne davor in Positur.
Heute nun wollte sie noch auf einen Kaffee zu mir kommen. Wir fuhren also zu dritt mit der Linie sechs. Auf dem Weg von der Bahn zu mir nach Hause kamen wir an drei Jungen- altersmäßig so zwischen zehn bis dreizehn vorbei. Die sprangen direkt vor der Kirche über eine Absperrung. Der Kleinste von ihnen schaffte das nicht. „Mann, bist du blöd!“, sagte einer der beiden großen Jungs zu ihm, worauf der Lütte schluckte.
Mein mütterliches Herz begann sofort für ihn zu schlagen. „Nur Mut, das schaffst du schon!“, sagte ich im Vorbeigehen zu ihm.
Er grinste mich dankbar an. Die beiden anderem aber kamen auf mich zu. „Na, Oma“, sagte der eine zu mir. „Ist was?“
Der Boden schien sich unter mir aufzutun. Ich machte den Mund auf und schnappte nach Luft. Oma hatte der zu mir gesagt. Oma! Nun war es soweit. Natürlich könnte ich schon eine solche sein, altersmäßig ...aber... Ich japste noch immer empört, als Trulla und die Muse kamen. Sie waren ein bisschen hinter mir gegangen, weil Trulla Blasen an den Füßen von ihren neuen Stiefeln hatte und die Muse leistete ihr beim Langsamgehen Gesellschaft. „Was ist los?“, fragte Trulla mich, als sie mich nach Luft ringend da stehen sah. „Der hat Oma zu mir gesagt!“ keuchte ich und zeigte auf den Jungen. Die Muse grinste. „Klar, ist das ne Oma!“, sagte sie. „Sie ist 104, aber sie hat noch alle Zähne!“ Ich ging mit erhobener Handtasche auf Charlotta los. Trulla stellte sich dazwischen. „Beruhige dich“, zischte Trulla. Die Muse war mittlerweile hinter Trulla in Deckung gegangen und rief von dort aus dauernd: „Entschuldige bitte, war doch nur Spaß!“ Ich war mittlerweile wieder zu Kraft und Atem gekommen. Ich gab Trulla meine Tasche zum Halten und ging zu den Jungen. Ich zeigte auf die Absperrung. „Wetten, da komm ich rüber?“, sagte ich. Die Jungens grinsten infam. Nur der Kleinste meinte: „Los, versuch Sie es doch mal!“ Ich holte tief Luft und ging einige Meter zurück. Dann rannte ich los, stieß einen Kriegsschrei aus und meine Beine so hoch ich nur konnte, stützte mich kurz mit den Händen ab und sprang. Irgendeinen Stoff fühlte ich dabei reißen. Aber ich landete tatsächlich auf der anderen Seite auf den Füßen. Die Muse und Trulla klatschten Beifall. Die Jungen glotzten. „Ihr nehmt das zurück!", sagte ich zu den beiden. Die nickten bedeppert und ich zog stolz von dannen. Zuhause stellt ich fest, dass ein Träger vom Body gerissen war. Und am Bein hatte ich mir was gezerrt. Ich konnte am folgenden Morgen kaum laufen.
Nachklapp: Am nächsten Tag musste ich sowie zur Rückenmassage und anschließender Fangopackung. Ich zeigte der Masseurin mein Bein. Sie drückte, rieb und zerrte und fragte mich, was ich denn da gemacht hätte? Ich erzählte ihr das Ganze. Sie ist ungefähr in meinem Alter und sagte, ihr sei neulich Ähnliches passiert. Auch zu ihr hätten ein paar Kinder „Oma“ gesagt. Sie hatte daraufhin an einem Kirschkernweitspucken der Kinder teilgenommen und es gewonnen.