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Conni Lubek - Annäherung an Hannibal Lecter (oder: Wenn Männer eine Diät machen...)


Jun 30 2009

Conni Lubek
17:24 Uhr
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Als Kind bin ich in einer Paderborner Einkaufspassage von einem Pantomimen gebissen worden. So muss es gewesen sein. Warum sollte ich sonst so eine ausgeprägte Aversion gegen diese harmlose Kleinkunst haben? Ein frühkindliches Trauma durch einen Pantomimenbiss, das steckt dahinter, ganz klar.

Halbnackte turnende Männer, deren neben einer Tennissocke ruhendes Glied sich unter einer Strumpfhose mit Glitzerbordüren abmalt, mag ich übrigens genauso wenig. Entweder hat das Pantomimenbisstrauma ausgestrahlt und sich zu einer generellen Abneigung gegen Vertreter der Variete- und Circusbranche erweitert, oder - das erscheint mir als alter Freud-Kennerin natürlich plausibler - es handelt sich in diesem Falle um ganz normalen weiblichen Tennissockenneid. Penisneid! Pardon, [i]Penisneid[/i] natürlich. Oder - ganz einfach - mich hat auch ein Akrobat gebissen. Was für eine Kindheit.

Wie auch immer, Pantomimen und Akrobaten mag ich nicht. Schon gar nicht bei Tisch. Mit Pantomimenbisstrauma und Penisneid im Nacken könnte ich nie in Ruhe mein Schnitzel genießen. Oder was auch immer. Insofern bin ich definitiv kein Mensch, dem man mit Karten für ein „Gourmet-Theater“ eine Freude machen könnte. Das sollte WE* eigentlich wissen. (*WE: derzeitiger Partner von Lpunkt. Anm. d. Red.) Und doch komme ich gestern nachhause und überrasche ihn, wie er gerade versucht, telefonisch Karten für so einen Fress-Circus zu reservieren.[i] Ein Abend voller kulinarischer Köstlichkeiten, Magie, Akrobatik und Comedy![/i] Comedy! Ich vergaß: Ein Comedian hat mich auch noch gebissen. Ein Comedian, ein Magier, ein Akrobat und ein Pantomime sind in einer Paderborner Einkaufpassage gleichzeitig über mich hergefallen. The ultimative Art of Entertainment & Cuisine! Ich drückte gerade noch rechtzeitig die Telefongabel runter.

„WE!“ sage ich. „Schatz! Jetzt ist aber Schluss!“

Ich weiß natürlich, woher der Wind weht. Mein Schatz will zur Zeit wieder mal abnehmen. Er trinkt dreimal täglich einen dieser Diät-Drinks und denkt rund um die Uhr ans Essen. Kauen. Beißen. ESSEN! Und am mittlerweile sechsten Tag seiner Trink-Diät treibt seine Fress-Fixierung skurile, absonderlichste Blüten: Kein Mensch, der noch länger zu meinem Bekanntenkreis zählen möchte, käme auf die Idee, mir mit Karten für ein Gourmet-Theater zu kommen!

„Ich wollte dir ein Lächeln schenken!“, sagte WE scheinheilig und verwies auf die Zeitungs-Anzeige, in der der teure Spaß beworben wurde. [i]Jetzt Karten reservieren - Verschenken Sie ein Lächeln! [/i]Tatsächlich.

Ich schenkte WE ein Lächeln. „Schatz“, sagte ich dann, „Ende der Diät! Die macht dich ja ganz doof im Kopf. Ich mache uns jetzt ein paar feine Schnittchen und dann legen wir uns auf die Couch und gucken mal wieder [i]Das Schweigen der Lämmer [/i]– besseres Gourmet-Theater gibt´s nicht!“

Ich lächelte, wie gesagt. Aber ein bisschen graute mir in diesem Moment auch vor WE. Wie weit, fragte ich mich plötzlich, wie weit, psychopathologisch gesehen…  Wie weit ist es wohl vom Schenken von Karten für ein Gourmet-Theater bis zu Hannibal Lecter?




 

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Conni Lubek

Conni Lubek ist freie Texterin und Autorin. Ihr Debütroman „Anleitung zum Entlieben“, der auf Anhieb ein Bestseller wurde, entstand aus den Anfängen ihres gleichnamigen Weblogs.
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