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Autorenleben - Eine Frau schreibt sich auf - Werther ist PFUI! ( Teil 1)


Mai 31 2010

Frauke Baldrich-Brümmer
07:42 Uhr
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Schleifende Schritte nähern sich meiner Schlafstatt. Dazu ertönt ein Hecheln und ein unterdrücktes Keuchen. Etwas scharrt am Boden herum, zieht an meiner Bettdecke und leckt mir die Hand. Mit einem Schrei fahre ich hoch, sitze aufrecht im Bett, und versuche mein wild klopfendes Herz zu beruhigen! Ich öffne die Augen und ziehe meine Bettdecke zurecht. An der anderen Ecke zieht es zurück. Es ist kein Traum. An der  anderen Seite zerrt es nun auch. Es ist mein Freund.
„Er will raus!“, murmelt er mit in das Kissen gedrückten Kopf. „Er muss mal!“
Ich schiebe die Beine aus dem Bett. Nun werden mein Füße abgeschleckt. „ Du wolltest das so!“, sage ich zu mir und  gucke auf den Wecker. Es ist viertel nach fünf. „Es ist viertel nach fünf!“, sage ich vorwurfsvoll zum Hund, worauf der mich schwanzwedelnd anspringt und mir einen angenabbelten
Tennisball vor die Füße wirft. Während ich ins Bad gehe, läuft der Hund die Treppe hinunter.
Der Hund darf nicht aufs Sofa Als ich nach unten komme, liegt er gemütlich auf den Polstern, den Kopf auf einem Kissen. Bei meinem Anblick springt er sofort herunter und ich freue mich. So ein kluges Tier! Das hat er schnell gelernt. Ich suche Leine, Leckerlis, Schlüssel zusammen und will mir gerade die Schuhe anziehen, da sehe sich, dass der Hund auf dem Teppich liegt. In der Schnauze hält er einen Buch. Es sind die Leiden des jungen Werther. Mein Hund mag Goethe! Offenbar hat er ihn vorm Tisch geholt, was er aber nicht darf.
Und auch wenn mein Herz ob der literarischen Ader des Hundes frohlockt und ich in einen Seelenverwandten in ihm erkenne, soll er Bücher nicht mit der Schnauze lesen. Und nun muss ich den Satz sagen, den ich einfach nicht über die Lippen bringe: „Goethe ist pfui!“
Das kann ich doch nicht sagen! Das geht einfach nicht! Der Altmeister deutscher Dichtung würde sich im Grabe rumdrehen! Ich denke nach „Werther ist Pfui!“ Das geht schon gar nicht. Werther war so sensibel. Er hat sich ja schon erschossen, aber ich kann es ihm trotzdem nicht antun.
Der Hund geht Goethe mittlerweile an die Eingeweide. Ich muss handeln. „Bücher sind pfui!“ Niemals! Ich schüttele mich und der Hund tut dasselbe mit Werther. Da erscheint das Herrchen vom Hund auf der Bildfläche. „Pfui!“, sagt er ganz einfach und der Hund lässt sofort vom Werther ab. Das Herrchen nimmt mir kopfschüttelnd die Leine ab, zieht seine Jacke an und geht mit dem Hund raus. Ich betrachte Werther. Den Einband zieren kleine Bissspuren. Ich habe Werther, seit ich siebzehn bin. Schweren Herzens lege ich ihn in den Korb des Hundes.
Er soll ihn bekommen!
Als eine halbe Stunde später Herrchen und Hund wieder erscheinen, marschiert der Hund, nachdem er  mich ausgiebig bewedelt und beschnüffelt hat, in seinen Korb. Mein Herz klopft.
Der Hund nimmt Werther zwischen die Zähne und wirft in aus dem Korb. Dann legt er sich selber hinein, seufzt, lässt den Kopf heraushängen, weil der Korb ein bisschen klein ist und schließt nach einem weiteren Seufzer die Augen.




 

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Frauke Baldrich-Brümmer

Frauke Baldrich-Brümmer, Jahrgang 1956, dichtet, schreibt und tritt mit kabarettistischen Lesebühnenprogrammen auf. Für uns bloggt sie über das, was (schreibenden) Frauen alltäglich widerfahren kann.
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