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Autorenleben - Eine Frau schreibt sich auf - Für Euch frisch aus der medizinischen Hochschule: Der Abend, als auf Station 23 alles anders wurde


Aug 2 2010

Frauke Baldrich-Brümmer
09:59 Uhr
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Der Abend, als auf Station 23 alles anders wurde

30 Patienten auf Station 23 der Unfallchirurgie. Das hieß Unterarmfrakturen, Rippenbrüche und Stauchungen sowie Biopsien, Brustkorbprellungen und einiges, was nach der Weiterleitung durch die Notfallambulanz noch keiner genauen Diagnose zugeordnet werden konnte und daher mit Venenzugängen versorgt auf Station lag. Der leitende Oberarzt Professor Schimmel hatte sieben Stunden im OP und zwanzig Minuten auf Schwesternschülerin Cindy verbracht. Nun tat das Kreuz so weh. Assistenzarzt Herrmann quälte ein Furunkel. Die diensthabenden Schwestern und Schwesternschülerinnen und Krankenpfleger hörten von ganz , ganz weit weg immer wieder Musikfetzen vom Schützenfest herüberklimpern. Manche dachten an Zuckerwatte. Gegen 19 Uhr wurde die Musik so laut, dass Krankenpfleger Gunnar sich mit dem Finger in die Ohren fuhr. „Gitarre! Ich höre hier Gitarre!“ „Ist Fest von Schützen“, sagte Schwester Ludmilla zu Gunnar. „Ist von die Karussells und große Zelten mit dicke Männer und Bier, verstehn?“
Gunnar schüttelte den Kopf. „Das kommt von hier! Ludmilla! Aus Zimmer sieben!“
Ludmilla legte den Kopf lauschend auf die Seite. „Du Recht, Gunnar! Kommt doch von hier, kommt von Station!“
Beide marschierten schnurstracks auf Zimmer sieben zu. Ludmilla als die ältere und resolutere vorweg, Gunnar schlappte hinterher, den Katheterbeutel von Zimmer zwei noch immer in der Hand.
Zimmer Sieben war ein Dreibettzimmer. In Bett eins lag eine Unterarmfraktur mit Drainage, in Bett zwei eine neu zementierte Wirbelsäule und ganz hinten am Fenster saß eine Unterschenkelfraktur mit Thrombosestrümpfen und einer Gitarre in der Hand. Die Unterschenkelfraktur sang.
Ludmilla trat ans Bett und klopfte auf die Bettdecke. „Das aber nicht geht, Frau Haberlein!“
„Sie haben sehr recht!“, sagte die Unterschenkelfraktur. „ Es klingt fad ohne Begleitung! Können Sie singen?“ Schwester Ludmilla schnappte nach Luft. „Gut,so, gut so!“, sagte die Unterschenkelfraktur begeistert. Holen Sie tief Luft und dann- singen Sie ! Was ist denn ihr Lieblingslied?“
„Kalinka!“ flüsterte Ludmilla und presste ihre Hand aufs Herz. „Nun denn!“, sagte Alina, die Unterschenkelfraktur. Eine Minute später scholl es aus Zimmer vier in den Flur hinaus: „Kalinka, Kalinka, Kalinka, Maja!“ Neben Ludmillla hüpfte Frau Meier samt Drainage aus dem Bett und begann einen Krückentanz. Gunnar schnappte sich einen Schieber plus Deckel und schlug begeistert den Takt.
Immer mehr Schwestern und Patienten strömten ins Zimmer. Längst hatte es sich ausgekalinkat. Doch die Sangesfreude war ungebrochen. Eine Karawane schob singend und klappernd über den Flur. Ganz vorneweg Frau Haberlein im Rollstuhl, die Gitarre auf dem Schoß, wurde sie von Schwester Ludmilla geschoben. Es ging durch alle zehn Zimmer, bis man zum Ärztezimmer kam. Dort fand gerade eine Besprechung statt. Schwester Ludmilla riss die Tür auf. „Für Dich solls rote Rosen regnen...“ erscholl es vom Flur. Dazu wurden von den drei Schwesternschülerinnen Bandagen zerrupft und in die Luft geworfen. Zwei andere bemalten Thrombosestrümpfen mit Rosen.
Professor Schimmel sprang auf. Assistenzarzt Hermann und sein Furunkel taten das gleiche. Die ebenfalls noch anwesende Stationsleitung Frau Werner ließ den Dienstplan und Sekunden später alle Hemmungen fallen. Ungestüm drängte sich nach vorne: „Zigeunerbaron“, schluchzte sie. „Bitte, spielen Sie etwas aus dem Zigeunerbaron!“ „Immer schön Reihe nach!“, kam es da von Schwester Ludmilla. „Erst mal Professor, bitte, Professor Schimmel, was wünschen Sie?“
Professor Schimmel blickte ratlos in die Runde und befummelte sein Stethoskop. „Gilbert“, flüsterte er schließlich leise und wurde ganz rot. „Gilbert Becaud: Natalie...“
Sein Wunsch wurde erfüllt.
Unbestätigten Gerüchten zufolge kamen später noch zwei Anästhesisten dazu. Für die wurde: „Schlaf, schlaf,



 

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Frauke Baldrich-Brümmer

Frauke Baldrich-Brümmer, Jahrgang 1956, dichtet, schreibt und tritt mit kabarettistischen Lesebühnenprogrammen auf. Für uns bloggt sie über das, was (schreibenden) Frauen alltäglich widerfahren kann.
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