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"Mit ohne Sinn, bitte" - Das Oktoberfest: Die bayerische „Purge“?


Sep 21 2016

Lydia Wünsch
16:54 Uhr
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Es ist Samstagmorgen, 9 Uhr in der Früh. Ich sitze gerade in der S-Bahn, als mir auffällt, dass dies kein gewöhnlicher Tag ist. Denn die Bahn ist prall gefüllt mit Trachtenträgern. Ach ja, richtig: Dies ist der Samstag, an dem unser Oberbürgermeister den alljährlichen Anstich auf dem Oktoberfest macht, den er mit den berühmten Worten „O‘zapft is“ krönen wird. Kurz: Es ist Wiesnstart und die Münchner Schickeria macht sich auf zum weltgrößten Volksfest. Was mich – wie jedes Jahr – zu der Frage bringt: Werde ich heuer wieder aufs Oktoberfest gehen? Meine Gefühle diesbezüglich sind sehr zwiegespalten.

Also wäge ich das Für und Wider ab, während ich in die noch müden, aber entschlossenen Gesichter der Wiesngänger sehe. Draußen gießt es in Strömen, aber die Hartgesottenen hält das nicht davon ab, sich am ersten Tag des Festes einen Platz im Zelt zu sichern. Dann steigt ein älteres Ehepaar ein, das mit Sicherheit traditionsgemäß jedes Jahr zum Anstich rausfährt. Hoch erhobenen Hauptes sitzt die Frau neben mir. Stolz und sauber von der Haar- bis zur Zehenspitze. NOCH. Denn wenn ich ein paar Stunden später wieder die Stadt verlasse, ist es ein ganz anderes Bild, das sich mir bietet. Die ehemals geschniegelten, parfümierten und sauberen Münchner – und die, die es gerne wären – sehen mich mit geröteten Augen an, entweder lallend oder fallend oder gerade noch so geradeaus gehend – auf dem Weg nach Hause oder in die nächsten Kneipe, wo kräftig weiter gefeiert wird.

Denn die Wiesnzeit, ist die Zeit der totalen Ausschweifung in München. Ein absoluter Ausnahmenzustand, in dem plötzlich alles erlaubt zu sein scheint. Sie gleicht dem Film „The Purge“, in dem einmal im Jahr eine Nacht lang jeder tun darf, wonach ihm ist, ohne dafür belangt zu werden. Dies soll eine Art Säuberungsaktion darstellen, die einen kathartischen Effekt auf die Menschen hat. Im Film ist es eine einzige Nacht. Unsere „Purge“ hingegen dauert zwei Wochen! Zwei Wochen, in denen man feiert, als gäbe es kein Morgen mehr, in denen man sich in den Armen liegt oder auch mal kräftig mit der Mass zuschlägt, wenn einem die Argumente ausgehen und das Starkbier einem doch etwas zu stark in das Blut gesickert ist.

Zugegeben, diese Ausschweifungen sind schon berauschend. Ich selbst habe mich ihnen schon oft hingegeben und im Festzelt mit meinen Freunden – und Fremden – zum Takt der Blasmusik getanzt. Warum nicht mal abschalten vom Alltagsstress und einfach nur das Leben feiern?

Schließlich dienten rauschende Feste schon im römischen Reich zur Ablenkung von harter Arbeit, Sklaverei, politischer Korruption und Gewalt. Das Volk soll sich vergnügen, damit es bei Laune gehalten wird und nicht über die wichtigen Themen nachdenkt. So wie die aktuelle Terrorgefahr zum Beispiel. Nein, konsumieren sollen wir lieber. Am besten schon bevor die Wiesn überhaupt anfängt. So wird zum Oktoberfest auch allerlei Schnickschnack verkauft, der besonders bei uns Mädels gut ankommt. Ein neues Dirndl gefällig? Und passenden Schmuck dazu? Sich schick machen und etwas Besonderes tragen, das mögen wir schließlich alle gerne.

Mit der feierlichen Zeremonie des Verkleidens wird also schon unsere Verwandlung eingeleitet und das erhabene Gefühl beim Tragen der Tracht scheint andere Menschen aus uns zu machen. Hemmungsloser werden wir, und gieriger. Nach Essen und Trinken und Singen und Lachen. Wie in Sodom und Gomorra wird München in diesen zwei Wochen zu einer Stadt, in der Unmäßigkeit und Wollust regieren, um nur einige der Sieben Todsünden zu nennen.

Mit Sicherheit trägt auch das hochprozentige Starkbier zu dieser Unmäßigkeit bei, doch das alleine kann man wohl nicht dafür verantwortlich machen. Denn getrunken wird ja in Bayern zu vielen Anlässen. Aber eben nicht so, wie auf der Wiesn. Schon beim Betreten des Festzeltes fällt auf, dass diese Stimmung eine ganz besondere ist.



 

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Lydia Wünsch

Lydia Wünsch ist Redakteurin bei WomenWeb.de und bloggt über zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Themen.
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