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"Mit ohne Sinn, bitte" - Teil 2. Das Oktoberfest: Die bayerische „Purge“?


Sep 21 2016

Lydia Wünsch
17:01 Uhr
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Schon beim Betreten des Festzeltes fällt auf, dass diese Stimmung eine ganz besondere ist. Im Dunst der Masse, welche in Eintracht miteinander schunkelt, scheint es zunächst, als gäbe es keine Probleme mehr. Plötzlich ist nicht mehr die Rede von Flüchtlingskriese und ansteigender Rechtsradikalität. Amerikaner stehen neben Kanadier und Italiener neben Deutschen. Gemeinsam prosten sie sich zu und versuchen dabei, einen Blick auf die Dekolletés der hübschen „Derndl“ (bayrisch für Mädchen) zu werfen. Wobei das nicht allzu schwer ist, denn die Ausschnitte der nicht mehr ganz so traditionellen Trachtenkleider lassen so tief blicken, dass nicht mehr viel Raum für eigene Fantasien bleibt …

„Nur wenige Stunden nach dem Start der Wiesn am Samstag versuchte, ein 32-Jähriger hinter den Bierzelten eine schon stark betrunkene Frau zu küssen und zu vergewaltigen. Die 21-Jährige sei aufgrund ihrer Alkoholisierung offensichtlich nicht in der Lage gewesen, die Situation zu begreifen“, lese ich später im T-Online-Magazin über diesen ersten Wiesn-Samstag. Und das wird wohl kein Einzelfall bleiben. Erst letztes Jahr machte ein skandalöses Foto die Runde durch die sozialen Netzwerke und sorgte für schockierte Lacher – auch bei mir. Zu sehen war ein junges Mädchen, das bei Tageslicht mitten auf dem Hügel vor der Bavaria eifrig damit beschäftigt war, einem jungen Mann orale Freude zu bereiten. Von Hemmungen keine Spur.

Es scheint, als nähmen wir diese „besondere“ Zeit zum Anlass, uns selbst für die harte Arbeit zu entschädigen, die wir das ganze Jahr über leisten. Nicht umsonst sagt man unserer Generation nach, dass wir gar nicht mehr in der Lage sind, unsere Füße mal guten Gewissens hochzulegen. Wir haben ständig den Drang danach, produktiv zu sein und irgendwie das Entspannen verlernt. Das ist anscheinend nur noch möglich, wenn wir Unmengen von Alkohol in uns hineinschütten, um dann am nächsten Tag so einen „dicken Schädel auf“ zu haben, dass wir ohne schlechtes Gewissen auch einmal „Nichts“ tun können. Denn unter anderen Umständen würden wir uns ja dafür schämen, dass wir einen Tag lang unproduktiv waren. Nicht aber, wenn wir einen gepflegten Kater vom Oktoberfest mit nach Hause gebracht haben. Und nach diesen zwei Wochen ist dann alles so, als wäre nie etwas gewesen. Wir sind gereinigt und können wieder unserer täglichen Arbeit nachgehen, mit dem sicheren Wissen, das unsere „Purge" nächstes Jahr wieder kommt ...

Mit diesen Gedanken fahre ich also an diesem Tag nach Hause, froh, mich heute noch nicht um einen Platz im Zelt geprügelt haben zu müssen. Hm … Vielleicht gehe ich morgen?

*http://www.t-online.de/nachrichten/panorama/kriminalitaet/id_79029964/oktoberfest-2016-polizei-verhindert-vergewaltigung-auf-der-wiesn.html (stand: 19.09.2016)



 

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Lydia Wünsch

Lydia Wünsch ist Redakteurin bei WomenWeb.de und bloggt über zwischenmenschliche Beziehungen und gesellschaftliche Themen.
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