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Altweibersommer - Morgenstund hat Gold im Mund...


Sep 3 2009

Ruth Eder
13:21 Uhr
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  Ich bin ja alles, nur kein Morgenmensch. "Kleine, aufstehen! Die Uni ruft," flöte ich regelmäßig, wenn mein "Kind" kurzfristig im Vorort-Hause statt in ihrer City-WG weilt. Das liebe Kind rührt sich natürlich nicht. Mist, denke ich. Bald ist es morgens beim Aufstehen wieder dunkel. Dunkelheit flösst mir Unbehagen ein. Schon immer. Ich flüchte mich dann   in   penetrante    Fröhlichkeit. Dabei weiss ich doch, dass meine  Tochter  das   nicht  mag. Mara, inzwischen 24,  hat eine Nase für unechte Töne. Ich beuge mich also vor und streiche ihr mit etwas  theatralischer Mütterlichkeit   über die kühle  Stirn unter honigfarbenen  Strähnen. Sie  ringeln sich   unter  dem Wust jener   indianerbunten  Wollüberdecke, die mich vor Jahren  zwei geschlagene Winter Arbeit gekostet hat.   Ihr altes Teenagerzimmer mit der schrägen Wand und  den weißen Wölkchen auf hellblauen Vorhängen  riecht   nach Schlaf und Wärme und meiner Tochter. Tja, nun ist sie längst eine junge Frau. Ein Verlustgefühl beschleicht mich, denn ich habe miserabel geschlafen. Mir graut vor diesem Tag. Ich spüre den heftigen Drang, mich so wie früher manchmal an die Schlaf-Wärme ihres  Körpers   zu kuscheln,  der vor Urzeiten  in meinem  Bauch gewachsen ist. Für  Sekunden würde ich mich dann vielleicht wieder ebenso  sicher und aufgehoben  fühlen, wie damals. Aber  abgesehen davon, dass sich meine "Kleine" solch plumpe Vertraulichkeiten seit geraumer Zeit  verbittet, spricht  aller Anschein  dafür, dass ich immer noch die Mutter, die Mama, der Hort der Geborgenheit bin. Zu sein habe. Tag für Tag still im Hintergrund. Und das kommt mir manchmal ziemlich  unglaubwürdig vor.   " Aufstehen Schatzi," sage ich. Diesmal dezenter.   " Mmm ."   " Willst du Cornflakes oder ein bisschen Obst?"   " Nix".   " Aber du musst vor der Uni irgendwas..."   " Ich hab keinen Hunger."   " Wenigstens ein Toast..."   " Ich bin sowieso zu fett."   Meine Tochter ist   zur Zeit in keiner gesprächigen Phase.  Um 6.30 Uhr schon gleich gar nicht. Ganz der Vater. Ich ärgere mich:  Wenn ich sie  schon  alleine großgezogen habe,  könnte sie mir wenigstens auch alleine gleichen. Mara  kuschelt  sich   noch einmal kurz unter die Decke.   Tappt dann  auf nackten Sohlen stumm ins Bad. Schließt vernehmlich   hinter sich ab. Dies  Geräusch stört mich regelmässig.  Es verletzt mich.  Verdammt, sie soll mich wenigstens  zur Kenntnis nehmen, wenn sie hier übernachtet.  Damals, in der Puberträt, war Mara von einem Tag auf den anderen auf Distanz gegangen. Und es tat ziemlich weh. Egal, wie viel ich auch über Mütter und ihre beinahe erwachsenen Töchter gelesen und auch geschrieben habe. Wie jeden Morgen funktioniere ich nach Außen reibungslos, das muss man mir  lassen. Trotz  dieser blöden Lebensangst.  Ich schaudere und ziehe den flauschigen weißen Bademantel enger um mich. Während Mara  das Bad verwüstet, wie früher,   bereite ich in der in griechischem Blau  gestrichenen Küche wenigstens mein eigenes karges Frühstück vor.  Im   Licht der Deckenbeleuchtung kommt mir  die Farbe  viel zu grell vor. Sie passt in gleissende, südliche Sonne, nicht in oberbayerischen Frühherbst.  Herr Huber, der Maler hatte  das gleich gesagt: Davon kriegt man ja Kopfweh!     An  der Spanholz-Lampe von Ikea schaukelt  zu allem Überfluss auch noch hauchzart eine Spinnwebe. Sie bewegt sich sacht   im Luftzug des gekippten Fensters hin und her. Die gute Frau Roth  hat den Blick also mal wieder nicht vom Boden wenden können. Der war immer blitzblank.  Jedenfalls nimmt meine Putzfrau  Dreck  nur bis höchstens Bauchhöhe  zur Kenntnis.  Ich will eigentlich nicht,  dass sich Mara an der Uni etwas Ungesundes  zum Essen kauft.  Aber meine Bemühungen, den Nachwuchs mit mit kerniger  Naturkost zu beglücken, sind seit Jahren kläglich gescheitert. Aber wenigstens  hat sich  Mara  anfangs nicht dagegen wehren können. "Kuck mal, Bio-Schnee ! " hatte sie glücklich ausgerufen, als sie mit drei Jahren an meiner Hand  durch braunen Matsch stiefelte...



 

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Ruth Eder

In ihrem Blog „Altweibersommer“ schreibt Ruth Eder exklusiv auf WomenWeb über den alltäglichen Wahnsinn eines ganz normalen, modernen Frauenlebens mit 50+
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