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Altweibersommer - Katzenglück in blauer Küche


Sep 8 2009

Ruth Eder
12:16 Uhr
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Um mich herum maunzen und schmeicheln  auf den Holzdielen  der Küche meine   drei für diese Uhrzeit bereits erstaunlich munteren   Katzen ihre allmorgendliche Hungernummer herunter. Mizzi, die Mutter, zierlich, nervös,  siam-grau,  weiss gefleckt. Ihr Sohn, Kater Willi, pechschwarz mit weisser Brust und schneeweissen Pfoten. Sieht aus wie ein schwarzer Boxstar. Weisse   Handschuhe, weisses Handtuch um muskulöse Schultern, Eleganz. Willi ist clever. Flink.  Er macht Türen auf, indem er sich an die Klinken hängt und apportiert Schraubverschlüsse von Mineralwasserflaschen. Er folgt, wenn ihm danach ist,  Frau Roth und ihrem  Staubsauger neugierig von Zimmer zu Zimmer.  Seine Schwester  Kathi  so doof wie  hübsch. Riesenklimperaugen wie mit Kajalstift umrahmt. Schneeweiss, schwarz wie hingetupft,  als wäre sie  Willis Negativ. Auch, was  die Intelligenz betrifft...    Ich füttere die Katzen  diesmal mit einer kackbraunen Dose Billigfutter für  67 Cent, Geschmacksrichtung "Thunfisch".  Das Zeug stinkt wie die Pest, denke ich schuldbewusst.  Keine Frage: Katzen würden diese Marke nie im Leben  kaufen.   Die Biester  stehen nun mal auf teures Futter. Je nobler, desto besser. Meinem  Hund Fritz ist der Preis egal. Hauptsache, er kommt den Katzen beim  Fressen zuvor.  Typisch  Promenadenmischung. Ich bleibe   wie üblich neben den schmuddeligen  Näpfen unter dem Fenster zum Garten  stehen, um Fritzens Futterneid im Keim zu ersticken. Ich lausche dem  zarten, eifrigen   Schmatzen unserer Katzen, das  selbst zu dieser Tageszeit vollautomatisch heisse  Tierliebe in mir wachruft. Ich habe die vielen Tiere    damals  angeschafft, als ich mich  von Pit trennte und Oma noch lebte. Etwas voreilig,  wie es halt meine Art ist. Es sollte nicht aussehen, als wenn es leer würde im Haus, wenn Pit weg war. Der Garten hinter dem Küchenfenster liegt an diesem herbstlichen Morgen irgendwie verwunschen da.   Mein   Spiegelbild zeichnet sich in der Fensterscheibe ab: Eine Frau im weissen Bademantel, gross, weiblich,  keineswegs mehr jung, noch nicht alt. Schwerer   Busen. Schmal um die Taille, Hüften zum Hände hineinstemmen.   Schulterlange,  dicke  Haare. Beinahe schwarz. Dunkle  Augenhöhlen. Viel Stirn. Viel  Backenknochen, wenig Kinn. Fast dreieckig  das Gesicht. Es ähnelt dem Porträt  meiner Großmutter aus Rumänien, das überm Esstisch hängt. Fremdländisch apart sagt man von mir noch immer. Wie  damals in der Schule. "Die Zigeunerin mit dem geraubten Kind", nannte mich  Freund Alfi oft, wenn er mich  mit meinem blonden  Kind traf.   Eitle olle Kuh, sage ich mir. Aber mein Blick ruht noch einen Augenblick  wohlgefällig auf der Fensterscheibe. Sie spiegelt meine Konturen. Das Wesentliche.  Falten und erweiterte Äderchen zeigt sie glücklicherweise nicht. Im Haus nebenan, bei Nachbarin Jenny, brennt auch bereits  gelbliches Licht wie aus der Jonny-Walker-Reklame. Der Anblick  erwärmt mich. Ich habe das Gefühl, jenseits des Zauns eine Verbündete zu haben.  Sicher ist die Gute  schon wieder dabei, eiskalt zu duschen und  zu juchzen. Die Vorstellung erheitert mich. " Das ist gut für die Haut, härtet ab und erhält jung" pflegt Jenny   zu verkünden. Sie ist ebenfalls geschieden, hat ihre Tochter allein erzogen und hat von einer kurzfristigen Liaison mit einem sandalentragenden Gesundheitsapostel namens Harro ein hartnäckiges Sendungsbewusstsein in Sachen Naturheilkunde davongetragen. Jennys Liebesleben ist weitaus munterer, als meins.   Manchmal kommt   es ihr   vor, als hätten meine   Triebe zwischen Artikelschreiben und Computer, Hundespaziergang und Katzenklo beinahe schon den Geist aufgegeben.  Gut, ich treibe   viel Sport, rackere im Fitness-Studio. Mein Körper geht noch halbwegs. Es kommt halt darauf an, das  Verfallsdatum  hinauszuschieben. Aber wenn ich meine Tochter  so ansehe, tja, da sehe ich leider ziemlich alt aus. Jenny trägt öfter sündteure, halterlose Strümpfe. Ich kenne niemanden, für den sich diese Anschaffung  gelohnt hätte...



 

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Ruth Eder

In ihrem Blog „Altweibersommer“ schreibt Ruth Eder exklusiv auf WomenWeb über den alltäglichen Wahnsinn eines ganz normalen, modernen Frauenlebens mit 50+
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