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Altweibersommer - Eine Frau des Worts


Feb 16 2010

Ruth Eder
11:02 Uhr
3017 Besucher
2 Kommentar(e)


  Wie meinst du das mit der Symbiose,“ frage ich dümmlich.
"Eine Symbiose ist das Zusammenleben zweier Organismen zum Zwecke der gegenseitigen Ergänzung und Bereicherung, wobei ein ständiger Austausch von Geben und Nehmen gewährleistet ist," doziert er. "Ich bin naturwissenschaftlich orientiert, Frau Kollegin." Seine Stimme dringt von unterhalb seines Nabels unter Umgehung meiner Ohren direkt in meine Eileiter. Sie scheinen sich förmlich zu winden. Ich schweige, was ich selten tue. Inneres Chaos.      " Wieso sagst du nichts?" fragt Wolfi. "Findest du das verrückt, was ich sage?"   "Ich sagte doch, dass ich mit dir im Prinzip übereinstimme, Herr Kollege," sage ich noch dümmlicher. "Ich glaube, wir sollten morgen weiter..."   "Kannst du ein bisschen lauter sprechen, ich verstehe dich kaum..."   "Wir sollten jetzt Schluss machen, es ist spät. Vielleicht können wir morgen alles persönlich..." sage ich lauter. Hund Fritz wacht auf und schaut an meinem Bett nach, was los ist. Er gähnt laut. „Ist jemand bei dir?“ fragt Wolfi. "Das ist mein Hund!" sage ich witzlos. Gag vergeben!
„Ich möchte dich für nächsten Samstag  Abend zu Rouladen und selbst gemachten Nudeln bei  mir einladen." Er spicht Rouladen wie Rollladen aus.   "Rouladen, Herr Kollege, ich hoffe, sie werden etwas weicher als Rollladen sein," hake ich schnell noch ein. " Sie überschätzen mein Gebiss, vielleicht wegen der Haare auf meinen Zähnen...Ist O.K. ich freue mich, aber jetzt muss ich unbedingt... es ist immerhin gleich drei... Ich bin übrigens erst Sonntag wieder da, ein paar Tage Reiterurlaub, den ich meiner Tochter spendiere. Sie hat mal wieder Liebenskummer. Aber sonntags  gern ...bis  dann..."    "Gut, dann Sonntag um acht. Warum hast du es denn so eilig..." Wolfis  Überschwang  ist nur sehr schwer abzuwürgen.  Er lebt  seit seiner  Trennung mit seinen beiden Teenagern unter einem Dach, habe ich mal gehört. "Bitte versteh doch, ich muss sehr früh raus... also dann...es war schön, was du mir gesagt hast..."  
"Ja, es war schön, ich bin froh dass ich den Mut..."   Selbst um beinahe drei Uhr früh kann ich es nicht lassen :" Offenbar hast du dir den  angetrunken," falle ich ihm ins Wort. Ich hasse es normalerweise, wenn jemand trinkt. Es macht mir Angst. Larry  hatte getrunken. Aber dies war sicher etwas anderes. Ist ja auch verständlich in dieser Situation, beschwichtige ich mein aufsteigendes Misstrauen. Wolfi brodelt nahezu vor irrwitziger Energie.  
" Es wird schön werden mit uns, ich sage  nur noch einmal: Denk an die Symbiose." Er legt abrupt  auf. Ich bin einmal mehr überrumpelt, spüre einen winziger Stich der Verletztheit. Er ist unberechenbar, beunruhigend. Unverschämt, aufregend. Dann ist alles ruhig. Fritz trollt sich nach einem vergeblichen Versuch, auf mein Bett zu gelangen, in seinen Korb, welcher knistert, als er sich nach viertausend Umdrehungen endlich plumpsen lässt.
Meine Schlafseite zur Wand hin. Stille. Mir klopft der Bauch.  Ich liege wach und versuchte, mir einen Reim zu machen.   Es ist meine Art, Aufwühlendes  immer gleich gedanklich zu ordnen. Die Bombe, die Wolfi geworfen hat,  muss ich erst mal entschärfen. Das macht sie weniger beängstigend. Eigentlich vermag ich nur Formuliertes zu verstehen, zu durchdringen. Seit ich zehn Jahre alt bin, habe ich schreibend zu verstehen versucht: Also Tagebuch geführt. Mein Leben festgehalten, quasi als Gedankenordnung. Ich habe Ereignisse aufgespießt wie Schmetterlinge. Sie katalogisiert. Ich bin seitdem  eindeutig eine Frau des Wortes. Ich denke auch in Worten, nicht in Bildern, wie die meisten anderen. Manchmal höre ich in Extremsituationen ganze Sätze. Und zwar von links oben. Ich vertraue Worten, sie sind ein Halt. 
Es braucht deshalb lang, bis ich leere Worte oder Lügen durchschaue und mir endlich  die Taten ansehe. Aber dann  dreh ich mich meistens  um und gehe...



Kommentar von Club-Mitglied

 
 
 
 
 

25.02.2010 11:37:00

Liebe Frau Eder, ich muss Ihnen jetzt doch mal sagen, wie sehr ich von Ihren Texten angetan bin... Man spürt regelrecht mit welcher Leidenschaft Sie Schriftstellerin sind. Toll! Und: In Worten denken... das kenne ich auch... allerdings treffen Sie mich meiste frontal von vorne...


Kommentar von Club-Mitglied

 
 
 
 
 

25.02.2010 15:56:00

Fünf Punkte für Ihren höchst erfreulichen Kommentar, liebe Sarah, DANKE! So sollte es sein: Leserin und Schreiberin treten in einen Dialog. Erst beim Lesen und dann persönlich, wie schön!!!


 

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Ruth Eder

In ihrem Blog „Altweibersommer“ schreibt Ruth Eder exklusiv auf WomenWeb über den alltäglichen Wahnsinn eines ganz normalen, modernen Frauenlebens mit 50+
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