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Altweibersommer - Flucht ins Club-Wochenende


Mrz 6 2010

Ruth Eder
09:52 Uhr
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       Nieselregen. Der Scheibenwischer klopft hin und her wie  ein Metronom. Nach links hinterlässt er von meinen Augen quietschend einen Streifen, der mich ärgert. Der alte Golf gibt mahlende Geräusche von sich, als wenn er etwas widerkäut. Es hört sich leider nach Getriebe an. Widerwillig bin ich heute Morgen mit Mara ins längst vereinbarte Reiterwochenende aufgebrochen. Aber es war einfach nicht mehr rückgängig zu machen. Andererseits ist es ganz gut, ein wenig Abstand zu bringen zwischen Wolf und mich. Vorfreude ist schließlich die schönste Freude.  
Ich  hätte gern im Auto mit Mara gequatscht. Sowas hilft gegen die aufwühlenden Gefühle in meinem Inneren, die die Frau betreffen,  in die Rolle der – wenn auch meistens ausrangierten -  Mutter zu flüchten. Aber Mara verschanzt sich hinter ihrem I-phone, das ihr natürlich Pit in seiner ganzen Kommunikationsfeindlichkeit geschenkt hat. Er sieht es lieber, wenn sie nicht zu viel mit mir spricht.
Ich habe Mara beiläufig über das nächtliche Telefonat mit Wolf vor drei Tagen erzählt. Sie hat zugehört, aber kein Wort verloren. Nie weiß man, woran man bei ihr ist…   Sie schreibt auf ihrem Touch Screen eifrig vor sich hin. Eins mit sich, Facebook und ihren vielen virtuellen Freunden. Welten von mir entfernt. Ich fühle mich  unbehaglich und ausgestoßen.  
"Wäre ein interessanter Gedanke, wenn der Regen nie mehr aufhörte und eine neue Sintflut käme," sage ich laut.   "Ich muss pinkeln" sagt Mara.   Ich seufze. Kein Sinn für Philosophie, diese Jugend.   Ein blaues Schild mit weißer Schrift zoomt heran.   "Rasthaus Hochfelln, 5 Kilometer," lese ich laut. "Das isses doch, oder?"  
Zwei Stunden später biege ich in die Ausfahrt zum Clubdorf ein.   "  Wir sind da, Schatzichen".   " Wird auch Zeit. Bin am verdursten."   Ich beschließe, meine Rostlaube  nicht allzu nahe an der Clubanlage zu parken.  Wenn ich ankomme, werde ich eher auf ein BMW-Cabrio geschätzt. So wie ich auftrete. Und die erwachsene, schöne Tochter mit all den unerlässlichen Accessoires aus teuren Boutiquen, in einer jobbt sie ja extra aus diesem Grund sogar.  Wie gut, dass Pit sich außerdem immer noch für die Garderobe seiner Tochter zuständig fühlt. Das spart mir eine Menge Geld und Diskussionen. Denn Mara hat immer schon zum Exklusiven tendiert.  
Ich habe mir übrigens ebenfalls den teuren schwarzen Daunenanorak übergestreift. Da fällt es kaum auf, dass Jeans und Turnschuhe nur zweite Wahl aus dem Kaufhaus in meinem Vorort sind, wo die nette Nachbarin zur Linken als Verkäuferin aushilft und mitunter mal einen Einkaufsgutschein fürs Personal in den Briefkasten wirft. Ich verstehe mich darauf, Popelsachen mit einem guten, teuren Stück aufzumotzen und dann mit entsprechender Hochnasigkeit überzeugend  zu verkaufen.  
Vom Eingang aus kann ich  die Landschaft um den Club Apflberg herum sehen: Reizloses,  nichts sagendes niederösterreichisches Hügelland,  nicht mal lieblich. Ohne Pfiff, aber dafür ideales Ausritt-Gelände.  "Nieselregen, der in Schneeregen übergehen kann", hatte der Wetterbericht gesagt. Nasskalt, grau. Ein angeblicher Vorfrühlingstag, wie er nicht eben dazu angetan ist, Urlaubsstimmung zu erzeugen. Dafür sind hier allerdings auch die bedauernswerten Animateure zuständig. Junge Leute, dazu gedrillt, den Urlaubern für ein paar Tage eine Scheinwelt vorzugaukeln. Manche werden richtig süchtig danach.  
Ich fröstele. Spüre kühle  Tröpfchen Feuchtigkeit im Gesicht wie Tau.  An der Schwelle zum Eingang ein warmer Schwall von Heizungsluft wie er einem aufgeht.    Mara hat einige ihrer Vorlesungen sausen lassen, damit ein verlängertes Wochenende für uns herauskam. Ich war ohnehin erstaunt, dass sie mir nicht in letzter Minute abgesagt hat. Aber der Februar war einfach allzu grau gewesen, als dass man hätte daheim bleiben können...  



 

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Ruth Eder

In ihrem Blog „Altweibersommer“ schreibt Ruth Eder exklusiv auf WomenWeb über den alltäglichen Wahnsinn eines ganz normalen, modernen Frauenlebens mit 50+
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