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Altweibersommer - Lauter Egoisten


Apr 20 2010

Ruth Eder
12:56 Uhr
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1 Kommentar(e)


    "Zucht und Ordnung" wiederhole ich angewidert. "Nun ja, glauben sie denn, äh, glaubst du denn, dass man dadurch die Kreativität der Kinder fördern..."   "Du hast doch gerade selbst gejammert, dass wir alle solche Egoisten geworden sind, weil man nichts von uns verlangt  hat..." mischt sich meine schlaue Tochter ein.   " Sehen sie, äh, siehst du," sagt der Hessä, " Ich habe was von ihnen verlangt. Und sie meiden mich heute trotzdem." Er sieht wirklich bekümmert aus. Ich werfe einen Blick in Maras interessiertes Gesicht. Sie wartet förmlich auf eine neue Gelegenheit, mir eins auszuwischen.  
"Wieso meidest du mich eigentlich nie?" frage ich anzüglich in  Richtung  Tochter, die aussieht,  wie ein Torschütze kurz vor dem Elfmeter. " Ich hätte nichts dagegen."   "Tu ich doch andauernd. Aber hier brauche ich nun mal einen Finanzier. Wodurch ich alle deine Vorurteile bestätigt hätte, gelle?"   "Du hast Glück, dass es mein erklärtes Lebensziel ist, einmal eine gütige Alte mit Lachfalten zu werden," sage ich. O je, Steilvorlage…   "Bist du doch schon," meint Mara ungerührt.  
Ich habe den Eindruck, als ob der Hessä der Konversation nicht mehr ausreichend folgen kann. Ich binim Grunde  froh, dass ich mit meiner Tochter geistige Boxkämpfe dieser Art auszufechten  vermag. Das  hält mich nämlich auf Zack. Und Mara auch. Ach Wolfi. Mir wird ganz warm. Mit dem geht das auch. Komisch. Ob das sowas wie gemeinsame Wellenlänge ist?  
" Ich geh mich jetzt umziehen. Bin müde von der Anreise. Sehen wir uns beim Essä?" fragt der Hessä.   "Wäre nett, vielleicht auch erst bei der Show... " sage ich. Etwas muss immer offen bleiben. Obwohl mir das nicht liegt. Ich liebe klare Ansagen. Ich bin  Löwin, ergo Frontalkämpfer. Aber es ist vielleicht weiblicher, sich ein bisschen zu zieren und ein Geheimnis zu wahren. Nicht dass der Typ mich wirklich interessieren würde. Aber allmählich krame ich all die verschütt geglaubten weiblichen Machenschaften hervor, mit denen ich mich durch diese Männerwelt geschlagen habe, seit ich 20 Jahre in festen Händen zugebracht und eindeutig an weiblicher Raffinesse  eingebüsst habe.  
Es ist, als wenn man eine Sprache viele Jahre nicht mehr gesprochen hat, und sie nun langsam und tastend, ein wenig rostig noch, aus den Staubwinkeln des Unterbewussten hervorholt. All die Augenaufschläge, das Lächeln, die herausfordernden Bewegungen.  Körpersprache. Das Ausweichen, das Wartenlassen, das Locken. Ja, das Locken. Das ist es wohl, was eine Ehefrau als erstes verlernt. Dass das  lockende Weibchen das Männchen dazu bringt,  es zu verfolgen. Bis dann eben eine andere  lockt...  
Man vergisst das alles aber nur für eine Weile. Man verlernt es nicht. So wie Tennis. Man sieht auch noch nach Jahren, dass jemand schöne Schläge hat und dass er sich auf dem Platz bewegen kann. Man sieht es sogar schon daran, wie er den Schläger hält und die Bälle. Ohne dass er einen einzigen Ball geschlagen hat. Man sieht es sogar daran, wie er mit dem Trainer umgeht. Komisch. Eine Art Geheimcode irgendwie.  
Der Hessä schaut verwirrt. Ich freue mich, es hat gewirkt. Er weiss nicht, woran er ist. Bingo! " Ich schau, dass ich euch zum Essen einen Platz freihalte" sagt er etwas irritiert. "Bis dann..."   Ich weiß plötzlich wieder ganz genau, dass ich immer noch schöne Schläge habe. " Wenn auch in der Seniorinnen-Klasse", sage ich laut.      "Ganz wie im richtigen Leben", raunzt Mara. Ob die Göre Gedanken lesen kann?                                              



Kommentar von Club-Mitglied

 
 
 
 
 

28.04.2010 00:05:00

Finde ich gut,habe 5 Kinder,war fast 5 Jahre alleine. Habe auch so eine ähnliche Situation gehabt.


 

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Ruth Eder

In ihrem Blog „Altweibersommer“ schreibt Ruth Eder exklusiv auf WomenWeb über den alltäglichen Wahnsinn eines ganz normalen, modernen Frauenlebens mit 50+
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