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Altweibersommer - Mund-zu-Mund-Beatmung am Kamin


Sep 4 2010

Ruth Eder
17:21 Uhr
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    Hinten neben der Schmuseecke mein alter Jugendstilschreibtisch für die private Post, an dem ich schon fürs Abitur gepaukt habe. Überall Rähmchen mit Fotos von  Mara und Mutter. Und von Oma. Zwei Jahre war sie nun schon tot. Über dem Schreibtisch eine  Christuskopf-Studie meines Großvaters, der ein bekannter Maler war. Wolf liess noch immer auf sich warten.   Mein Blick glitt  über das vertraute Bild. Einmal mehr faszinierte es mich, wie man mit Pinsel und Farbe solch einen Blick zustande bringen konnte. Wehmütige Milde, Trauer, Resignation und Güte sprachen daraus. Tiefes Wissen um das Leid der Welt. Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an, sagte dies Gesicht.   Steh auf und wandle, hatte er zu Lazarus gesagt. Und der war tatsächlich gewandelt. Dein Glaube hat dir geholfen...
 
Glaube ich wirklich  noch an die Liebe?   Hab ihn  einfach lieb und lass den Dingen ihren Lauf.   Give life a chance, faxte mir der böse Wolf  nach jenem ersten nächtlichen Telefongespräch . Cool, neudeutsch, lässig. Und ein wenig pubertär.  Fast wie Pit.   Vielleicht würde es diesmal endlich gelingen? War Wolf der Mann und Mensch, auf den ich gewartet hatte? Statt eines Stehgeigers nun eben ein Kollege mit Gitarre? Mann und Mensch - in dieser Reihenfolge...
 
O Gott! Ich hörte seine leichten Schritte auf der Treppe.  Atemstillstand. Herzstillstand. Wieso lebte ich dennoch weiter? Im Kopf lauerte dennoch der Spott über die abgedroschene Situation.   Grß dich, entschuldige die Verspätung. Bussi. Macht nichts, darf ich dir einen Schluck Wein... Aus einem für unser berufliches Vorhaben geeignetem Gefäß...Wie konnte ich bei Atemstillstand sprechen? Die Schnabeltassen, Gottseidank! Etwas zu tun. Tosendes Gelächter. Das Eis war gebrochen. Wir stiessen mit den Schnabeltassen an: Gehobener Chianti aus Plastik, das hatte schon was. Der Wein verursachte ein Wärmegefühl in meinem klammen Magen.

Nachschenken und das bei fortdauerndem Herzstillstand.  Verflucht, der Deckel der Schnabeltasse ging nicht ab. Er half mir. Unsere Hände berührten sich. 10000000 Sterne stiebten  durch den dämmrigen Raum.  Disneys "Susi und Strolch", weisst du noch... Natürlich, die Szene beim Spaghetti-Essen... Ja, als sie aus Versehen dieselbe Nudel erwischen und sich ihre Lippen berühren... Wir hatten  beide die gleichen Filmszenen  im Kopf.    Befangenheit. Ungewohntes Schweigen. Dieses Licht in seinen dunklen Augen.  

Ich stand auf. Ich wollte, dass er mich ansah. Ich ging, ohne nachzudenken, in Richtung Schmuseecke. Bücher überall. Regale zwischen Kamin und Holzwand. Der  schneeweisse Rauputz des Kamins stach aus dem Dämmerlicht. Ich lehnte mich dagegen.   Schnabeltasse in der Hand. Noch ein Schluck Wein. ..

Da war er bei mir. Er geht wie einer aus einer New Yorker Street Gang. Gespannt. Gefasst auf Gefahr, dachte ich.   Ich sah auch  zum ersten Mal deutlich, dass er ziemliche O - Beine hatte. Mir gefiel das bei Männern.   Er nahm mir vorsichtig die Schnabeltasse ab und stellte seine und meine auf ein Regalbrett ab. Dann stützte er sich mit den Händen links und rechts von meinen Schultern an die kühle Mauer des Kamins, an der ich lehnte und begann, mich ruhig und konzentriert zu küssen.   Fortdauernder Atemstillstand. Zum Glück  verstand er sich auf Mund - zu Mund - Beatmung.

Mein Herz hämmerte plötzlich wie verrückt.  Ich stand ganz still da und überliess mich seinen Küssen. Passiv. Hingegeben. Weich. Ganz Jane. Er Tarzan.   "Du machst mich unfähig für den Lebenskampf," murmelte ich mehr erstaunt als erschrocken. Meine Lippen waren heiss und klebten an den Zähnen.   "Ich wüsste nicht, was es heute Abend noch zu kämpfen gäbe..." flüsterte er an meinem Ohr und biss ziemlich kräftig in meinen Hals, da wo die Schlagader pochte...



 

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Ruth Eder

In ihrem Blog „Altweibersommer“ schreibt Ruth Eder exklusiv auf WomenWeb über den alltäglichen Wahnsinn eines ganz normalen, modernen Frauenlebens mit 50+
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