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Altweibersommer - Mit leichter Hand am Golfplatz


Mai 24 2011

Ruth Eder
12:43 Uhr
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      Irgendwie hat mit Wolf   in Paulchens Augen die Strasse Zutritt zu meinem Leben erhalten. Das vermute ich jedenfalls. Ihn stört vermutlich weniger  die marktschreierische Art, mit der Wolf seine  Männlichkeit zur Schau stellt, als sein Kokettieren mit jeglichem Mangel an Manieren.  Seine Trinkgewohnheiten irritieren ihn bisher weniger, denn  Paulchen hat es zu seiner Zeit ebenfalls manchmal  krachen lassen.    Wolf ist der erste Mann in meinem Leben, der sich rücksichtslos nach oben gekämpft hat. Er ist laut und intensiv und das Wort Zurückhaltung  ist ihm vollständig fremd. Erst recht, wenn er getrunken hat.  
Ich schaue zu meinem Vater hinüber. Er ist immer noch ein breitschultriger Mann  zum Anlehnen. Unsere Augen, die die Farbe rumänischen Bernsteins haben, begegnen sich in gegenseitigem Wohlwollen und Verstehen. Wir sind uns in vielem sehr vertraut. Ich beobachte, wie Paulchens grosse, vom Skilaufen braungebrannten Hände sich ohne Hast bewegen. Es sind dieselben, die mich als Kind fest und warm gehalten haben, nur hagerer jetzt. Die linke zittert heute  leicht. Paulchen spürt meinen Blick und stützt  die Hand am Tischrand ab. Als er kurz aufsteht, bemerke ich ein winziges Zögern. Ich weiß, dass er Rückenbeschwerden hat, aber niemals darüber spricht.   Sein teures Sakko, Hose, Hemd, Krawatte sind Ton in Ton Beige-Braun aufeinander abgestimmt. Gediegen  bis zu den Socken und den polierten  Schuhspitzen.   "Mit beinahe achzig hätte ich mir das Speisen nicht mehr so mühsam..." sagt er.   " "ein biologisches Alter erlaubt durchaus ein Überlebenstraining beim Käsefondue..." falle ich ihm ins Wort.   " Stimmt, ich kann immer noch genug normale Mahlzeiten einnehmen, wenn ich alt bin" sagt Paulchen und grinst. Er wird von allen gut und gerne fünfzehn Jahre jünger geschätzt.   "Wie steht es mit dem Golfspielen?" lenke ich ab. Paulchens Leben hat stets um seinen Sport gekreist. Er kokettiert ständig mit seiner immensen Faulheit, pflegt jedoch  seine durchaus lukrativen Geschäfte mit leichter Hand  vom Golfplatz aus zu erledigen.   " Geht ganz gut. Leider werden meine Partner allmählich gebrechlich", sagt Paulchen. Ich weiß, dass seine Golf-Runde  überwiegend aus Männern besteht, die seine Söhne  sein könnten.  Paulchen heisst deshalb sein Leben lang Paulchen, weil sein Vater, ein angesehener Künstler, stets Paul gewesenist. Ob das dazu geführt hat, dass Paulchen nun seinerseits die Probleme des Lebens niemals völlig ernst nahm, sie sozusagen mit einem "chen" versah? "Unangenehmes pflege ich nicht zur Kenntnis zu nehmen" sagt er von sich selbst.

Ich rufe ihn immer an, wenn ich ein Problem habe. Kaum habe ich ihn an der Strippe, scheint es, als betrachte ich meinen Kummer durch ein umgekehrtes Fernglas. "Das schaffen wir schon," sagt er dann, "auch der müdeste Fluss findet den Weg zum Meer. Das sieht man ja an mir." Er kann von  entwaffnender Ehrlichkeit sein. Ich vermag ihn mir  unmöglich auf der Bahre vorzustellen. Und doch wird es eines Tages geschehen. Wie bei Mami. Meine Augen füllen sich mit Tränen. Zärtlichkeit für diesen grossen, alten Mann erfüllt mich,  der Nächte meiner Kindheit an meinem Krankenbett zugebracht und Karl-May-Geschichten erzählt hat.  

" So schlimm ist das Fondue gar nicht. Der Geschmack ist sehr delikat," versucht  Paulchens patente Frau Heidi zu trösten. Sie ist um einiges jünger als er, weiblich gerundet und  energisch zugleich und überhaupt vom ähnlichen Typus wie meine Mutter. Sie hat sogar leicht nach innen stehende Zähne, die ihrem Gesicht etwas Katzenhaftes verleihen, so wie Mami...



 

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In ihrem Blog „Altweibersommer“ schreibt Ruth Eder exklusiv auf WomenWeb über den alltäglichen Wahnsinn eines ganz normalen, modernen Frauenlebens mit 50+
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