Magazin Club
Sie befinden sich im Magazin > Liebe > Partnerschaft > Altweibersommer

Altweibersommer - Albtraum vom gehäuteten Ochsen


Jun 9 2011

Ruth Eder
10:42 Uhr
2295 Besucher
0 Kommentar(e)


   Mein Vater Paulchen heisst deshalb sein Leben lang Paulchen, weil sein Vater, ein angesehener Künstler, stets Paul gewesen war. Ob das dazu führte, dass Paulchen nun seinerseits die Probleme des Lebens niemals völlig ernst nahm, sie sozusagen mit einem "chen" versah? "Unangenehmes pflege ich nicht zur Kenntnis zu nehmen" sagt er von sich selbst. Ich rufe ihn immer an, wenn ich ein  Problem habe.  Kaum habe ich ihn an der Strippe, scheint es, als betrachte ich meinen jeweiligen Kummer durch ein umgekehrtes Fernglas. "Das schaffen wir schon," sagt er dann, "auch der müdeste Fluss findet den Weg zum Meer. Das sieht man ja an mir." Er kann von  entwaffnender Ehrlichkeit sein. Ich vermag ihn mir   unmöglich auf der Bahre vorzustellen. Und doch wird es eines Tages geschehen. Wie bei Mami.

Meine Augen füllen sich sofort mit Tränen. Zärtlichkeit für diesen grossen, alten Mann erfüllte mich, der Nächte meiner Kindheit an meinem Krankenbett zugebracht und Karl-May-Geschichten erzählt hat.  

"So schlimm ist das Fondue gar nicht. Der Geschmack ist sehr delikat," versucht  Paulchens patente Frau Heidi zu trösten. Sie ist um einiges jünger als er, weiblich gerundet und  energisch zugleich und überhaupt vom ähnlichen Typus wie meine Mutter. Sie hat sogar leicht nach innen stehende Zähne, die ihrem Gesicht etwas Katzenhaftes verleihen.

   "Nachher gibt es noch Eis-Baisers" sagt Mara. Paulchen schluckt. Er mag  Eis-Baisers für sein Leben gern.   "Dann könnt ihr euch wenigstens daran satt essen," fügt Mara hämisch hinzu." Das lächerliche Fondue werden wir einfach unter den Teppich kehren."   "Untersteh dich" sage ich, die dabei ist,  den Kupfertopf mit dem  verflixten Fondue, das mittlerweile eine zementartige Konsistenz  angenommen hat, abzutragen.

"Weisstt du noch Paulchen, wie wir damals beim Skifahren mit dem VW-Bus im Schneesturm steckengeblieben sind? Mitten in der Nacht? Und wie du mich  auf dem Rücken den Berg hinauf getragen hast? Ich hab mich gefühlt, wie in Abrahams Schoss. Mama hat die ganze Zeit geschimpft, wie immer, wenn sie Angst hatte." Ich schlucke, als ich das sage. Wieso mir das gerade jetzt einfällt?   "Stimmt," sagt Paulchen knapp und lenkt damit ab. "Sag mal, Mara, wie geht es dir eigentlich so im Studium?" Er findet, seine Tochter habe leider die Neigung, Gespräche von aufwühlender Tiefe anzuzetteln, die zu nichts führen, außer zu Schmerz...     

In der Nacht  darauf habe ich einen Alptraum: Ich träume, dass ich  einen ganzen Ochsen preiswert erstanden habe. Die Tiere und ich brauchen doch Fleisch, oder? Mara nicht. Der Ochse  hängt nun, rosig gehäutet, kopfüber in einer überdimensionalen   Speisekammer.  Doch plötzlich fängt der  Fleischberg an, sich zu bewegen.  Er versucht, seinen gehäuteten Kopf zu heben und sieht mir hilfeflehend aus gequälten Augen an.  Ich überlege fieberhaft, wie das arme Tier schnellstmöglich zu erlösen  sei. Erwürgen kommt nicht in Betracht, da der Hals zu dick ist. Ich rufe im Traum also gerade die Polizei an, als der Ochse  zu sprechen anhebt: Hilf mir doch, sagt er mit einer ganz tiefen Stimme. Hilf mir doch...  

Ich erwache und liege schwitzend in meinen Kissen. Dann schon lieber lachhaftes  Käsefondue, denke ich, das spricht  wenigstens nicht.  Ab heute bin ich Vegetarierin!! Ich gehe aufs Klo, trinke in der Küche ein paar Schluck Mineralwasser  und lege mich wieder hin. Katze Kathi  versucht, sich schnurrend unter meine Decke zu schmuggeln.  Ich hab noch Hunger, fällt mir da ein. Das feine, magere Roastbeef im Kühlschrank kommt mir in den Sinn. Ich habe es schamhaft im Gemüsefach verstaut, um Mara den Anblick zu ersparen. Ob das vom Ochsen ist? Scheiße...    



 

Womenweb.de Community

Chat, Gewinnspiele, Forum, Games & mehr

 

Ruth Eder

In ihrem Blog „Altweibersommer“ schreibt Ruth Eder exklusiv auf WomenWeb über den alltäglichen Wahnsinn eines ganz normalen, modernen Frauenlebens mit 50+
Profil
Blog-Übersicht
 

Kalender

Blog Archiv

Dezember 2009 (4)November 2009 (4)Oktober 2009 (5)September 2009 (5)August 2009 (3)Juli 2009 (3)Juni 2009 (1)Dezember 2010 (3)November 2010 (4)Oktober 2010 (4)September 2010 (3)August 2010 (4)Juli 2010 (4)Juni 2010 (3)Mai 2010 (4)April 2010 (4)März 2010 (4)Februar 2010 (4)Januar 2010 (4)Dezember 2011 (4)November 2011 (4)Oktober 2011 (4)September 2011 (4)August 2011 (3)Juli 2011 (4)Juni 2011 (3)Mai 2011 (4)April 2011 (4)März 2011 (5)Februar 2011 (4)Januar 2011 (4)Dezember 2012 (3)November 2012 (4)Oktober 2012 (5)September 2012 (4)August 2012 (2)Juli 2012 (3)Juni 2012 (3)Mai 2012 (3)April 2012 (3)März 2012 (3)Februar 2012 (3)Januar 2012 (5)Dezember 2013 (3)November 2013 (2)Oktober 2013 (3)September 2013 (2)August 2013 (5)Juli 2013 (3)Juni 2013 (3)Mai 2013 (3)April 2013 (2)März 2013 (4)Februar 2013 (4)Januar 2013 (3)Dezember 2014 (3)November 2014 (3)Oktober 2014 (3)September 2014 (2)August 2014 (3)Juli 2014 (3)Juni 2014 (3)Mai 2014 (3)April 2014 (3)März 2014 (3)Februar 2014 (3)Januar 2014 (3)Dezember 2015 (2)November 2015 (2)Oktober 2015 (3)September 2015 (2)August 2015 (2)Juli 2015 (2)Juni 2015 (2)Mai 2015 (2)April 2015 (3)März 2015 (3)Februar 2015 (3)Januar 2015 (2)Dezember 2016 (1)November 2016 (4)Oktober 2016 (2)September 2016 (2)August 2016 (2)Juli 2016 (2)Juni 2016 (3)Mai 2016 (2)April 2016 (2)März 2016 (6)Februar 2016 (3)Januar 2016 (2)Dezember 2017 (2)November 2017 (2)Oktober 2017 (3)September 2017 (3)August 2017 (2)Juli 2017 (3)Juni 2017 (2)Mai 2017 (3)April 2017 (2)März 2017 (3)Februar 2017 (2)Januar 2017 (3)Dezember 2018 (3)November 2018 (3)Oktober 2018 (4)September 2018 (7)August 2018 (6)Juli 2018 (3)Juni 2018 (2)Mai 2018 (3)April 2018 (1)März 2018 (2)Februar 2018 (3)Januar 2018 (2)August 2019 (3)Juli 2019 (2)Juni 2019 (2)Mai 2019 (2)April 2019 (2)März 2019 (2)Februar 2019 (2)Januar 2019 (2)