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Altweibersommer - Lampenfieber im Morgen-Flieger


Dez 12 2011

Ruth Eder
14:10 Uhr
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   Es ist kalt und regnerisch.  Im Acht-Uhr-Flieger nach Köln sitzen  Momos graue Herren mit ihren Aktenköfferchen. Beim Start vermeiden sie als routinierte Vielflieger Blicke aus dem Fenster und steckten ihre Nasen stattdessen in wichtige  Wirtschaftsmagazine. Viel Durchblick auf einem Haufen, sage ich mir und grinse.

Ich halte nicht schlecht dagegen. In meinem nicht ganz neuen, jedoch sündteuren Kostümchen aus auberginefarbenem Leinen, das besonders edel knittert, dessen Jackenaussschnitt dezent aber unmissverständlich den Ansatz meines immer noch  sonnengebräunten Busens sehen  läaat, fühle ich mich wie eine gutdotierte Erfolgsautorin, die im Begriff ist,  auf Kosten eines privaten Fernsehsenders nach Köln zu jetten,  um dort  in einer nachmittäglichen Talkshow, die Tag für Tag vier Millionen Menschen erreicht, über mein neuestes Buch zu parlieren.

Lampenfieber kriecht mir  ins Genick. Bin ich das tatsächlich? Manchmal   komme ich mir   wie eine Hochstaplerin vor, die jederzeit entlarvt werden kann.  Ich spüre von links den Blick einer gepflegten, stränchengebleichten Dame mit viel Cartierschmuck, die nach Modebranche aussieht  und schlage instinktiv  meine frisch rasierten, babypopoglatten und mit schwarzen Strumpfhosen umhüllten Beine übereinander. Meine Füße stecken in in schwarzen, ganz hochhackigen Mörder-Pumps mit  Plateausohle, wie sie in den 60ern schon mal  Mode gewesen waren. In der Bruststasche meiner leicht taillierten Kostümjacke steckt ein duftendes, giftgrünschwarz gemustertes Einstecktuch, das mir  Vera einmal   mitgebracht hat. Ein Hauch von Calvin Kleins "Eternity" stieigt mir in die Nase. Von Wolfi.

 

 

 

Sehnsucht. Sein Rücken, wenn er sich im Bett aufstützt, um zu rauchen. Harte Muskeln und weiche Haut. Seine Gegensätze. Die Kuhle zwischen den Schulterblättern.

Ich werde in Köln abgeholt . "Unser Produktionsfahrer wird  sie erwarten," hat die Redakteurin gesagt.  Wieder dies Hochstapler-Feeling. Der Fahrer ist jung, leichenblass, trägt mehrere Ringe im Ohr, in den Augenbrauen und der Nase. Ich frage ihn,  ob das nicht weh tut.  Er lächelt und schweigt. Seine Zähne sind grau.

In der Maske ist es so heiß, als wäre Sommer. Ich bin  bereits geschminkt. Ich kann das  das noch aus meinen Model-Zeiten.  Der Maskenbildner ist froh, dass er  weniger zu tun hat. " Bildschön haben sie das gemacht, perfetto. Wir brauchen nur noch ein bisschen Puder. Wo ist denn meine Quaste," näselt er und klatscht mir  mit grosser Geste einen Schwall beigen Puders ins Gesicht, der  mir den Atem raubt. Er heisst Jens und trägt Schwarz. Auch die Gelfrisur ist blauschwarz gefärbt.  "Sie haben was Androgynes" sagt er.

" Was machen wir denn mit den Augenringen, junge Frau", fährt er bekümmert fort  und beugt sich über mich.  "Wohl gestern Nacht zu wenig Schlaf gekriegt. Lampenfieber was?"

"Kann man so sagen," murmele ich mit zusammengepressten Lippen. Der Puder schmeckt scheusslich. Blöde Schwuchtel. Es kitzelt mich in der Nase. Er tupft mir mit kühlem Ringfinger eine weisse Paste unter die Augen. Nochmal Puder wie Verputz. Er ist höchstens fünfundzwanzig. Aus seinem T-Shirt schauen solariumgebräunte und fitnessgestählte Arme hervor. Der Schwulenmarkt folgt gnadenlosen Gesetzen. Wie der von Frauen... 




 

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Ruth Eder

In ihrem Blog „Altweibersommer“ schreibt Ruth Eder exklusiv auf WomenWeb über den alltäglichen Wahnsinn eines ganz normalen, modernen Frauenlebens mit 50+
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